„Sechs Monate transdisziplinäres Arbeiten und fünf Erkenntnisse darüber, warum Gruppenarbeiten so laufen wie sie laufen“

Von Sabine Hanke

This blogpost is part of a transdisciplinary student project in the region of Oldenburg taught by Moritz Engbers, Ulli Vilsmaier & Maraja Riechers

Dieser Blogpost ist Teil des Studentenprojektes Transdisziplinäres Projekt: Landkreis Oldenburg im Master Nachhaltigkeit. Lehrende: Moritz Engbers, Ulli Vilsmaier & Maraja Riechers

 Haben Sie auch das Gefühl, dass die meisten Gruppenarbeiten immer ähnlich ablaufen? Dies war zumindest einer meiner Gedanken, als ich über die letzten sechs Monate unserer Fallstudie nachdachte. Der emotionale Verlauf einer Gruppenarbeit erinnert mich oftmals an einen Weg durchs Gebirge mit Höhen und Tiefen, mit Euphorie und Frustration, mit „ich will das jetzt schaffen“ und „ich kann nicht mehr“. Ich glaube jeder, der schon einmal in einer Gruppe gearbeitet hat, kennt die Berg und Tal Fahrten und ihre Auswirkungen auf die Effizienz der Gruppenarbeit. Nachdem es mir nun wieder aufgefallen ist, habe ich mich gefragt warum das so ist, mich auf die Suche nach Antworten begeben und fünf wesentliche Erkenntnisse gewonnen, warum unsere Gruppenarbeit an verschiedenen Stellen eine Hochphase hatte und an manchen Stellen etwas abgeflacht ist. Ich möchte Sie in diesem Blogpost daran teilhaben lassen, Ihnen verschiedene Gründe anhand unseres ersten Projektsemesters erklären und vorstellen was wir und Sie tun können um Talfahrten zu vermeiden.

  1. Der Erfolg der Gruppe hängt nicht zwangsläufig von der Kompetenz ab.

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass wenn Sie etwas unbedingt wollen, dies auch schaffen können ohne davor gewusst zu haben wie es geht? Dies gilt auch in Gruppen, denn der Erfolg oder Misserfolg wird beispielsweise dadurch bestimmt, wie sich die Gruppenmitglieder innerhalb der Gruppe fühlen: ob sie sich als entbehrlich einschätzen, wie sie ihren Wert für die Gruppe oder ihren Status in ihr wahrnehmen, aber auch durch die Art und den Umfang der gestellten Aufgabe [1]. Wir haben uns in einem unserer ersten Schritte diesem Punkt angenommen. Die Durchführung der Belbin-Session (Eine Entdeckungsreise durch Rollen und Kompetenzen) hat uns geholfen die anderen Mitglieder ebenso wie uns selbst im Kontext der Gruppe kennenzulernen. Wir wurden uns bewusst, welche Rolle jeder einnehmen will und wie jeder die Arbeit der Gruppe unterstützen kann. Natürlich wird es schwierig, wenn viele Mitglieder dieselbe Rolle erfüllen möchten und dadurch Konkurrenz um Rollen oder Kompetenzen entsteht. Da wir uns aber jeweils mehreren Rollen zuteilen konnten, erreichten wir eine einvernehmliche Verteilung. Dies wurde weiter verstärkt durch eine breite Streuung von Fachkompetenzen auf Grund der Vielzahl unterschiedlicher Abschlüsse. In meiner persönlichen Erfahrung entwickelte ich, durch das Wissen welchen Mehrwert ich in der Gruppe leisten kann, ein stärkeres Zugehörigkeitsgefühl und eine größere Motivation zum Ziel beizutragen. Interessanterweise empfand ich die „Anfangs-Skepsis“ in der Gruppe mit mehr Studenten mit demselben Abschluss und einer ähnlichen Verteilung der Belbin-Profile als größer.

  1. Motivationskicks durch Evaluation.

Eine klare Motivation für die Erreichung eines guten Ergebnisses kennt jeder: die Begutachtung des Arbeitsfortschrittes durch eine Autoritätsperson [2]. Meiner Einschätzung nach waren zwar Diskussionen ohne die Präsenz von Lehrerenden kritischer und meist effektiver, jedoch verlieh deren Anwesenheit für Zwischenpräsentationen und Rücksprachen der Arbeit einen gewissen Stellenwert und förderte die Produktivität vor dem Termin und für mich persönlich auch die Motivation danach. Auf der einen Seite wollten wir als Gruppe zeigen, was wir bereits erreicht hatten und auf der anderen Seite verlieh das Feedback zu jedem Zeitpunkt der letzten sechs Monate einen neuen Anschub Ideen zu konkretisieren, zu verfeinern und auszugestalten.

  1. Gruppenarbeiten verschleiern die Leistung des Einzelnen.

Kennen Sie die Abkürzung T.e.a.m.? Toll, ein anderer machts [3]. Ich glaube auch jeder kennt das aus beiden Perspektiven. Dies ebenso wie die bereits genannten Erkenntnisse zählen zu dem sehr faszinierenden Effekt des social loafings – dem Zurücknehmen einzelner Personen in einer Gruppe [3]. Die Gründe hierfür können sehr vielfältig sein, stehen aber in einer engen Verbindung mit der Motivation und sind dadurch oftmals persönliche [4]. Die Erklärung weswegen dieser Effekt so oft auftaucht ist relativ einfach: die Leistung des Einzelnen ist nicht mehr erkennbar und geht in der Gesamtleistung unter. Verstärkt wird dies durch Faktoren wie mangelnder Gruppenzugehörigkeit und Identifikation der Gruppenmitglieder mit der Aufgabe [3].

  1. Motivation immer wieder neuerfinden, um am Ball zu bleiben.

Meiner Erfahrung nach ist die mangelnde Identifikation mit der Aufgabe ein wesentlicher Knackpunkt in transdisziplinären Projekten. In unserem Fall war es wichtig erst einmal einen Rahmen für die Arbeit und eine Vision für das Ziel zu entwickeln. Sie können sich vermutlich vorstellen, dass es eine Herausforderung ist, mit 22 Leuten im thematischen Neuland der Inter- und Transdisziplinarität zu arbeiten, insbesondere da wir den Landkreis Oldenburg kaum kannten und auch keine Vorstellung hatten, wie das finale Projektergebnis aussehen könnte. Zu diesem Zeitpunkt gab es unter den Projektteilnehmern zahlreiche ungeklärte Fragen. Erst als diese begannen sich aufzulösen und die Anfangsskepsis schwand, wuchs die Motivation und das Arbeiten gewann an Effektivität. Eine erste Motivationsspitze war zu erkennen, nachdem wir die Begriffe Nähren und Antreiben für uns definiert hatten. Ein Absinken der Motivation und auch eine etwas abflachende Leistung wurde spürbar, als trotz vorhandener Ideen was innerhalb des Projekts passieren könnte, unklar war ob diese in der Region sinnvoll umzusetzen wären. Nach der ersten Feldphase zog die Arbeitsleistung wieder an, weil wir ein genaueres Bild davon hatten, wie die Region aussieht und weil durch Gespräche mit Akteuren Ideen ausgestaltet werden konnten. Persönlich glaube ich, die Überwindung von initialen Fragezeichen und thematischen Problemen erfordert immer wieder eine neue Identifikation mit dem Projekt. Sie kennen sicher auch den Gedanken „warum mache ich das überhaupt?“, wenn es knifflig wird. In transdisziplinären Projekten ist das Ziel nicht unbedingt klar und greifbar definiert [5]. Daher kann sich ein solches Projekt mehrmals neu ausrichten kann. Dies stellt die Teilnehmer immer wieder vor die Herausforderung der Neuidentifikation, um Motivation für den nächsten Anstieg mit Arbeit und Ideen zu schöpfen. Demnach sind die Höhen und Tiefen vor allem in transdisziplinären Projekten normal und gehören auch irgendwie dazu.

  1. Social loafing wird durch transdisziplinäre Projekte gefördert, durch interdisziplinäre Gruppen gelindert.

Mein Fazit zu den vergangenen sechs Monate lautet wie folgt: hinderliche Effekte auf die Gruppenproduktivität wie z. B. social loafing können durch transdisziplinäre Projekte gefördert, durch interdisziplinäre Gruppen dagegen gelindert werden. Gefördert, weil es zahlreiche Möglichkeiten gibt und der Prozess ergebnisoffen und oftmals unklar ist [5]. Gelindert, weil durch verschiedene Disziplinen eine gewisse Rollenverteilung von selbst erreicht wird und eine gewisse Stellung der Gruppenmitglieder durch die mitgebrachte Kompetenz gesichert ist. Persönlich glaube ich, dass die Vergabe von Aufgabenpaketen, das Bewusstsein von Kompetenzen und vor allem immer wieder die Rückbesinnung auf den Rahmen und die Unterstützung von Lehrenden und Tutoren bei uns wesentlich dazu beigetragen haben Effekte wie social loafing zu vermeiden.

 

QUELLEN

[1] Hurley, Eric; Allen, Brenda (2007): Asking the How Questions: Quantifying Group Processes Behaviors. In: The Journal of General Psychology. Vol: 134, Nr: 1. Seiten 5-21.

[2] Teng, Chih-Ching; Luo, Yu-Ping (2014): Effects of Perceived Social Loafing, Social Interdependence and Goup Affective Tone on Students’ Group Learning Performance. In: The Asia-Pacidifc Education Reseacher. Vol:24, No:1. Seiten 259-269.

[3] Nitzsch von, Rüdiger (2006): Entscheidungslehre. Mainz.

[4] Jassawalla, Avan; Malshe, Avinash; Sashittal, Hemant (2008): Student Perceptions of Social Loafing in Undergraduate Business Classroom Teams. In: Decision Sciences Journal of Innovative Education. Vol: 6, Nr: 2. Seiten: 403-420.

[5] Hanschitz, Rudolf-Christian; Schmidt, Esther; Schwarz, Guido (2009): Transdisziplinarität in Forschung und Praxis. Wiesbaden.

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