Das Betreten unbekannten Terrains – meine Erfahrungen mit der transdisziplinären Forschung

Von Johanna Kruse

This blogpost is part of a transdisciplinary student project in the region of Oldenburg taught by Moritz Engbers, Prof. Ulli Vilsmaier, and Dr. Maraja Riechers.

Dieser Blogpost ist Teil des Studentenprojektes Transdisziplinäres Projekt: Landkreis Oldenburg im Master Nachhaltigkeit. Lehrende: Moritz Engbers, Prof. Ulli Vilsmaier, Dr. Maraja Riechers.

Erfahrungen mit der transdisziplinären Forschung darf ich innerhalb meines Masterstudiengangs Nachhaltigkeitswissenschaften im Rahmen des Leverage Points Projekts zum ersten Mal sammeln. Transdisziplinäre Forschung ist für mich und viele andere ForscherInnen das Betreten von unbekanntem Terrain. Doch was passiert, wenn man unbekanntes Gebiet betritt? Ich war zum einen neugierig, zum anderen aber auch vorsichtig. In unsicherem Terrain sollte man wachsam sein, da man nie mit Sicherheit sagen kann, was auf einen zukommt oder in welche Richtung sich eine Idee in Zusammenarbeit mit anderen Studenten/-innen, Dozenten/-innen, Akteuren/-innen entwickelt. Doch genau aus dieser Unsicherheit entstand für mich der Wunsch, weiter in die transdisziplinäre Forschung einzutauchen. Für mich war in jedem Fall klar, dass das Gebiet “trandisziplinäre Forschung” erkundet werden muss.

Wieso jedoch spielt transdisziplinäre Forschung in meinem Studiengang überhaupt eine Rolle, was ist das Ziel?
Das Ziel der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung ist eine nachhaltige Entwicklung der Menschheit, die die gegenwärtigen und zukünftigen Bedürfnisse erfüllt und dabei die Einschränkungen des technologischen Fortschritts und der sozialen Organisation auf die Fähigkeit der Umwelt, den gegenwärtigen und zukünftigen Bedürfnissen gerecht zu werden, berücksichtigt. Dabei handelt es sich um vielschichtige, gesellschaftliche Belange, aus denen im Umkehrschluss eine komplexe transdisziplinäre Forschung resultiert. Komplexität resultiert in diesem Zusammenhang daraus, dass Personen aus z.B. den verschiedenen Bereichen der Wissenschaft mit Personen aus der freien Wirtschaft, sowie Bürgern/-innen gemeinsam an einer Fragestellung arbeiten. Dabei sind die verschiedenen Interessenbereiche und Bedürfnisse zu beachten, die eine transdisziplinäre Forschung auszeichnen. Um zuverlässige Kenntnisse für gesellschaftliches Belang über zukünftige Entwicklungen zu schaffen, muss die Forschung die Vielfalt, Komplexität und Dynamik der damit verbundenen Prozesse sowie deren Variabilität zwischen konkreten Problemsituationen reflektieren.

Was ist von uns Studierenden gefordert?
Meine Aufgabe ist es somit, alle bisherigen Paradigmen in Bezug auf Praxis und Theorie abzulegen und einen Wandel von Technologie und gegebenenfalls sozialer Umstrukturierung voranzutreiben um unter Einbeziehung der Umwelt, zukünftigen Bedürfnissen gerecht zu werden. Doch transdisziplinäre Forschung ist, wie bereits erwähnt, für mich und viele andere Forscher/-innen auf Grund der Komplexität ein neues Terrain. Die zu beantwortenden Fragen behandeln nicht nur die empirische Ebene, sondern decken auch normative und praktische Ebenen der gesellschaftlichen Problemlösung ab. Im Folgenden werden die zu bearbeitenden Fragen mit gesellschaftlichen Praktiken und politischen Gesetzgebungen verknüpft.

Wie also vorgehen?
Innerhalb dieses kooperativen Forschungsprozesses wollen wir Studierenden im Rahmen des Leverage Points Projekts die folgenden grundlegenden Fragen beantworten um den Herausforderungen und der Komplexität der transdisziplinären Forschung gerecht zu werden:

  1. Auf welche Weise stellen Prozesse ein Problemfeld dar und wo sind die Bedürfnisse für Veränderungen?
  2. Was sind bessere Praktiken (Ziele im Sinne von Zielen der nachhaltigen Entwicklung)?
  3. Wie können bestehende Praktiken verwandelt werden?

Die Themen, die aus der Literatur zur Entwicklung und Bewertung von Anpassungsstrategien im Allgemeinen und der damit verbundenen Beteiligung der Akteure hervorgehen, können in sechs strategische Aktivitäten oder Schritte unterteilt werden. Hierbei werden zeitgleich auch die zuvor genannten grundlegenden Fragen beantwortet:

  1. Aufbau und Ausgangspunkt des Prozesses
  2. Bewertung des vorhandenen Wissens und des Risikokontextes
  3. Ermittlung möglicher Anpassungsmöglichkeiten
  4. Auswahl von Anpassungsoptionen
  5. Gestaltung der Umsetzung
  6. Planung von Monitoring, Evaluation und Lernen

Der Aufbau kann als Ausgangspunkt für die Entwicklung einer Anpassungsstrategie gesehen werden, die durch kontextspezifische interne und externe Faktoren ausgelöst wird. Eine Anapassungsstrategie hilft allen Beteiligten zielgerichtet zu arbeiten und dabei die ermittelte Strategie auf die entwickelte Fragestellung anzuwenden und wenn nötig anzupassen. Die Schritte 2–6 werden durch strategischen Ansätze, Zeitrahmen, Kriterien, Treiber und Barrieren festgesetzt. Dabei orientiert sich die Festsetzung dieser Schritte an den Grenzen und Möglichkeiten der Identifizierung, Selektion, Implementierung, dem Monitoring und der Bewertung von Anpassungsmaßnahmen sowie verwandten Strategien.

Im Rahmen der nachhaltigen Entwicklung beschäftigt sich die transdisziplinäre Forschung mit einem Problemfeld, indem sie die unterschiedlichen Dimensionen der Frage identifiziert und ihre Komplexität, Dynamik und Variabilität auf eine Nachhaltigkeitstransformation untersucht. Die “Haltung“ der verschiedenen Akteure spielt eine wichtige Rolle bei der Ermittlung und Strukturierung von Forschungsproblemen, da die Forschungsfrage mit den menschlichen Praktiken zusammenhängt. Die Konsequenzen dieser Praktiken können Einzelpersonen in direkter und indirekter Weisen beeinflussen, daher ist es von Wichtigkeit ihre Bedürfnisse und Interessen zu beachten. Um die relevanten Dimensionen kennenzulernen ist daher zu untersuchen, in welcher Weise die Interessen und Bedürfnisse der Akteure von bestimmten Praktiken und deren Konsequenzen betroffen sind. Weil institutionelle Veränderungen und Verhaltensänderungen Teil der Strategien sind, muss die transdisziplinäre Forschung auf Veränderungen eingehen, die über die Optimierung bestehender Institutionen hinausgehen (Single Loop Learning). Transdisziplinäre Ansätze für Forschung und Entwicklung zielen daher auch auf die Unterstützung von “Doppelschleifen -Lernen” ab. Damit ist die Umstrukturierung von Institutionen, und die Sicherung der Weiterentwicklung, durch eine kritische Bewertung der Ergebnisse der Anpassungen und damit die Kapazitätserweiterung von Lernprozessen der Zukunft gemeint.

Welche Möglichkeiten eröffnet das betreten dieses unbekannten Terrains?
Die Arbeit in einem transdisziplinären Projekt ist ein dynamischer und komplexer Prozess der einer ständigen Weiterentwicklung unterzogen ist. Jene Art der Forschung ist eine sehr realitäts- und praxisorientierte Forschung, denn um unseren heutigen Problemen und Aufgaben gerecht zu werden sind neue Denkansätze gefordert, die sich der Komplexität ihrer Entstehung anpassen. In der Praxis sind diese Erfahrung für mich persönlich sehr fordernd und innerhalb der Gruppen wird sehr viel Zeit damit verbracht die grundlegenden Fragen zu diskutieren um Festzustellen welche Ansicht jedes Gruppenmitglied mit sich bringt. Immer wieder muss dabei jedoch darauf geachtet werden, dass der roten Faden (die Problemstellung) nicht verloren geht. Dabei helfen das Bewusstmachen vorgegebener Leitfragen und vor allem auch die Gespräche mit den Dozenten/-innen. Ich denke, dass die transdisziplinäre Forschung auf Grund ihres Praxisbezugs und der Komplexität viele Möglichkeiten für die Bearbeitung von zukünftigen Problemen eröffnet. Nur auf diese Weise, kann die Forschung dabei unterstützt werden, eine nachhaltige Entwicklung voranzutreiben und zu implementieren. Somit ist die transdisziplinäre Forschung ein wichtiges Instrument einer nachhaltigen Forschung und daher betrete ich es gerne, das unbekannte Terrain.

Literatur

  • Argyris, C., Schön, D. A. (1996): Organizational Learning II, Blackwell, Cambridge
  • Costanza, R., Cumberland, J., Daly, H.., Goodland, R., Norgaard, R., 1997. An Introduction to Ecological Economics, St. Lucie Press, Boca Raton
  • Funtowicz, S.O., Ravetz, I.R., O‘Connor, M., (1998): Challenges in the use of science for sustainable development. International Journal for Sustainable Development 1, pp. 99-107
  • Hadorn, H., Bradley, D., Pohl, C., Rist, S., Wiesmann, U. (2006): Implications of transdisciplinarity for sustainability research, Ecological Economics 60, pp. 119 – 128
  • Lawrence, R. 2004. Housing and health: from interdisciplinary principles to transdisciplinary research and practice. Futures 36, 487-502.
  • Wamsler, C. (2017): Stakeholder involvement in strategic adaption planning: transdisciplinarity and co-production at stake?, Environmental Science and Policy 75, pp. 148–157
  • WCED, 1987. Our Common Future. Oxford University Press, Oxford
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