Transdisziplinarität – Was steckt hinter dem Modewort?

Von Theresa Hofmann

This blogpost is part of a transdisciplinary student project in the region of Oldenburg taught by Moritz Engbers, Prof. Ulli Vilsmaier, and Dr. Maraja Riechers.

Dieser Blogpost ist Teil des Studentenprojektes Transdisziplinäres Projekt: Landkreis Oldenburg im Master Nachhaltigkeit. Lehrende: Moritz Engbers, Prof. Ulli Vilsmaier, Dr. Maraja Riechers.

Das gesellschaftliche Leben ist geprägt von Modewörtern. Ein inflationärer Gebrauch dieser Wörter hat schnell zur Folge, dass man ihnen mit einer gewissen Skepsis gegenübertritt. Auch die Wissenschaft bleibt davon nicht verschont. Jedoch steckt hinter diesem Modewort ein wichtiger Sachverhalt. Das Transdisziplinarität durchaus seine Berechtigung in der Wissenschaft hat und in bestimmten Fällen auch notwendig ist, soll im Folgenden deutlich gemacht werden. Dieser Beitrag hat das Ziel, ein grundlegendes Verständnis von Transdisziplinarität und transdisziplinären Prozessen zu vermitteln.

Definition Transdisziplinarität

Transdisziplinarität bedeutet sich über die eigenen wissenschaftlichen Forschungsgrenzen hinaus mit Fragestellungen auseinander zu setzen.

Die transdisziplinäre Forschung charakterisiert sich dadurch, dass Wissenschaftler mit Praxisakteuren aus der Gesellschaft zusammenarbeiten. Praxisakteure sind dabei Menschen oder auch Institutionen außerhalb des Wissenschaftssystems, die indirekt oder direkt von der zu bearbeitenden Problematik betroffen sind oder Erfahrungen und Wissen aus der Praxis in den Forschungsprozess einbringen können. Transdisziplinäre Forschung behandelt komplexe Problemstellungen, die in den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen zu finden sind. In den Nachhaltigkeitswissenschaften sind solche Problemstellungen beispielsweise der Klimawandel, Globalisierung und Umweltbelastungen. Über den Ausgangspunkt dieser Probleme sowie die Ziele und den Weg dorthin ist meist nur wenig bekannt. Die Komplexität und die Tatsache, dass bei dieser Art von Problemen sowohl soziales Handeln als auch ökologische Effekte eine Rolle spielen, machen es nötig, dass Wissenschaft und Gesellschaft gemeinsam an einer Lösung arbeiten. Wichtig dabei ist, dass die Akteure aus der Praxis nicht nur als Gegenstand der Forschung betrachtet werden, sondern aktiv in den Forschungsprozess mit eingebunden werden, da neben dem Theoriewissen aus der Wissenschaft auch Erfahrungswissen aus der Praxis nötig ist um die Problemstellungen zu bearbeiten.

Herausforderungen Transdisziplinarität

Durch die Komplexität der Problematik und die enge Kooperation zwischen Akteuren aus der Wissenschaft und Praxisakteuren wird die transdisziplinäre Forschung immer wieder vor Herausforderungen gestellt. Beispiele sind zum einen, dass durch eine steigende Anzahl von Akteuren auch die Zielkonflikte ansteigen, da mehr wissenschaftliche Ziele und gesellschaftliche Interessen vereint werden müssen. Zum anderen muss zu Beginn eine einheitliche Ebene in Bezug auf Sprache und Methodik geschaffen werden, denn Akteure aus Wissenschaft, Politik, Unternehmen etc. haben unterschiedliche Vorgehensweisen und Fachbegriffe mit denen sie eine Problematik angehen. Eine weitere Herausforderung innerhalb der transdisziplinären Forschung ist im Vergleich zu anderen Forschungsprozessen meist der höhere finanzielle Aufwand, da die Beteiligung vieler Akteure mehr Koordination und Kommunikation erfordert.

Phasen des transdisziplinären Prozesses

Der Prozess eines transdisziplinären Projekts ist komplex, kann jedoch in die folgenden drei Phasen eingeteilt werden:

1) Problemidentifikation und- Strukturierung

Die erste Phase umfasst alle Aktivitäten, die dazu dienen eine bestimmte Problematik zu definieren und Forschungsfragen zu entwickeln. Dies mag zunächst banal klingen, ist aber aufgrund der komplexen Probleme oft eine schwierige Herausforderung. Ein essentieller Teil dieser Phase ist es, die passenden Akteure für den Forschungsprozess zu finden und mit einzubeziehen. Dazu gehört auch, die unterschiedlichen Rollen und Aufgaben der einzelnen Akteure innerhalb des Prozesses zu erkennen und zu akzeptieren.

2) Gemeinsames Generieren von lösungsorientiertem und anschlussfähigem Wissen

In dieser Phase wird die Forschungsfrage untersucht und auf eine Lösung hingearbeitet. Die Schwierigkeit besteht darin, das auf unterschiedlichen Ebenen generierte Wissen zusammen zu führen. Zum Beispiel müssen Erkenntnisse aus der Wissenschaft mit Wissen aus der Lebenspraxis miteinander vereint werden.

3) Re- Integration und Anwendung des generierten Wissens

Die letzte Phase zielt darauf ab, das gewonnene Wissen sowohl in die wissenschaftliche, als auch die gesellschaftliche Praxis zu integrieren. Das kann bedeuten, dass die Forschung konkrete Lösungsansätze bietet oder durch Ergebnisse gesellschaftliche Entwicklungen beeinflusst. Im Vordergrund sollte dabei die Nutzbarkeit der Ergebnisse für die Gesellschaft im Vordergrund stehen.

Generell ist zu sagen, dass diese Einteilung des Prozesses in Phasen dazu dient, die Forschung zu organisieren. Jedoch muss man sich bewusst sein, dass es aufgrund der Komplexität des Forschungsprozesses immer wieder zu einer Unterbrechung dieser Phasen kommen kann. Nicht selten müssen bereits abgeschlossene Prozesse durch neue Erkenntnisse wieder aufgerollt werden. Diese Unterbrechungen sind Teil des Prozesses und dienen dazu, die Arbeit erneut zu reflektieren.

Transdisziplinarität am Beispiel unseres Projekts im Landkreis Oldenburg

Unser Forschungsprojekt im Landkreis Oldenburg steht unter der ursprünglichen Leitfrage: „Wie kann ein (Bio-)Diversitätskorridor im Landkreis Oldenburg ein nachhaltiges und zukunftsfähiges Leben nähren, fördern und antreiben?“. Hier wird bereits ein transdisziplinärer Prozess deutlich. Diese Fragestellung wurde mit Akteuren aus der Wissenschaft und Praxisakteuren aus dem Landkreis Oldenburg entwickelt und hat sich bereits weiterentwickelt.

Auf wissenschaftlicher Seite werden sich Wissenschaftler aus dem Leverage Points -Projekt zusammen mit unserer studentischen Projektgruppe tiefergehend mit der Problematik auseinander setzen. Die Vielfalt der potenziell zu involvierenden Praxisakteure ist groß. Zu den wichtigsten Praxisakteuren zählen unter anderem Vertreter des Naturparks, Vertreter des Künstlernetzwerks „artecology_network“ (www.artecology.eu), aber auch Bürger, Gemeinden und Städte der Region.

Die Auswahl der Akteure ist derzeit noch nicht abgeschlossen. Es bedarf eines umsichtigen Auswahl , eine gute Kenntnis der Region und mehrere Gespräche, um relevante Akteure zu finden. Es soll vermieden werden, wichtige Akteure zu vergessen. Da dieser Prozess nicht abgeschlossen ist, befindet sich dieses transdisziplinäre Projekt noch in der ersten der drei beschriebenen Phasen.

Der Prozess des Erfassens der Problematik und der Erstellung der Forschungsfrage ist zum größten Teil abgeschlossen, bedarf aber noch einer Absprache mit den Praxisakteuren. Hier wird deutlich, dass ein aktiver Austausch zwischen den Akteuren essentiell ist, um Missverständnisse und Fehler im Prozess zu verhindern. Die Tatsache, dass sich die Phase eins dieses Projekts bereits über vier Monate erstreckt, verdeutlicht die Komplexität der Erfassung des Problems und der Strukturierung des Prozesses. Ein rein wissenschaftlich ausgerichteter Prozess könnte schnellere Ergebnisse liefern, ist an dieser Stelle jedoch nicht empfehlenswert, da zur Erfassung des Problems das Wissen und die Erfahrungen der Praxisakteure aus dem Landkreis unabdingbar sind.

Modewort hin oder her: Die Ausführungen machen deutlich, dass transdisziplinäre Forschung in Bezug auf gesellschaftlich relevante Problematiken eine essentielle Vorgehensweise darstellt, um das Problem in seiner Ganzheit und Komplexität erfassen zu können und lösungsorientiertes Wissen für die Gesellschaft entwickeln zu können.

Literatur

  • Dubielzig, Frank; Schaltegger, Stefan (2004): Methoden transdisziplinärer Forschung und Lehre. Ein zusammenfassender Überblick. Centre for Sustainability Management. Lüneburg.
  • Heinrichs, Harald; Michelsen, Gerd (2014): Nachhaltigkeitswissenschaften. Berlin. Springer Verlag.
  • Jahn, Thomas (2008): Transdisziplinarität in der Forschungspraxis. In: Matthias Bergmann/Engelbert Schramm (Hg.): Transdisziplinäre Forschung. Integrative Forschungsprozesse verstehen und bewerten. Frankfurt/New York: Campus Verlag, S.21–37.
  • Lang, Daniel J.; Wiek, Arnim; Bergmann, Matthias; Stauffacher, Michael; Martens, Pim ; Moll, Peter; Swilling, Mark; Thomas, Christopher J. (2012): Transdisciplinary research in sustainability science: practice, principles, and challenges. In: Sustainability Science, 7, S. 25-43.
  • Mittelstraß, Jürgen (2007): Methodische Transdisziplinarität, Mit Anmerkungen eines Naturwissenschaftlers In: Technologieabschätzung –Theorie und Praxis,2, S.18-23.
  • Pohl, Christian; Hirsch Hardon, Gertrude (2008): Gestaltung transdisziplinärer Forschung. In: Sozialwissenschaften und Berufspraxis, 31, Nr.1, S.5-22.
  • Scholz, Roland W.; Lang, Daniel J.; Wiek, Arnim ; Walter, Alexander I. ; Stauffacher, Michael (2006): Transdisciplinary case studies as a means of sustainability learning: Historical framework and theory. In: International Journal of Sustainability in Higher Education, 7, Nr. 3, S.226-251.
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