Lieblingsplätze – poetische Orte in der Natur

By Werner Henkel (with a foreword by Maraja Riechers)

Favourite places – poetic places in nature

The text below is written by the artist Werner Henkel (NaturArte) and connected to the transdisciplinary case study of Oldenburg. It is his conclusion to an inspiring social landart workshop from August 2017 to February 2018. Werner and I had a great collaboration and my scientific conclusion on emotional responses to landscape changes is currently in the making. Enjoy! (only available in German)

Am 26. und 27.8.2017 traf sich eine Gruppe von Anwohnern der Region Oldenburg im Zentrum Prinzhöfte, um sich über ihre Lieblingsplätze in der Wildeshauser Geest auszutauschen und auf eine künstlerische Entdeckungsreise über deren persönliche Bedeutung und Gestaltung zu gehen.

In einem ersten Schritt wurden die Plätze anhand von Fotos vorgestellt und es entstand ein intensiver Austausch. Zur Einstimmung in die künstlerische Arbeit wurden die Farben und Formen der Naturmaterialien erforscht. An ausgesuchten Plätzen wurde die Gestaltung in der Natur exemplarisch erprobt. Das Wochenende ermöglichte den TeilnehmerInnen verschiedene künstlerische Erfahrung als Rüstzeug, um im weiteren Verlauf  an Ihren Lieblingsplätzen individuell gestalterisch aktiv zu werden.

Der Workshop Lieblingsplätze setzte an der persönlichen Verbundenheit mit Natur und Landschaft an. Lieblingsplätze sind Orte, um diese grundlegenden Erfahrungen zu erleben und ihnen nachzuspüren.

Durch das intensiven Einlassen auf die Plätze und deren ästhetischen Erforschung wurde das Einmalige und Besondere der Orte, ihre Qualität und Atmosphäre deutlich. Es kristallisierten sich persönliche Themen und Motive heraus, die zunächst in den Plätzen verborgen sind. Diesen wurde mit ästhetischen Mitteln, wie Objekten, Installationen aber auch Fotografie und Text, ein künstlerischer Ausdruck, eine künstlerische Gestalt gegeben. So verstanden ist Kunst ist immer auch ein Erkenntnisprozess, ein bildnerisches Nachdenken (Die kursiven Textteile sind Zitate der TeilnehmerInnen).

  1. hat einen Buchenbestand gewählt. Sie hat dort ein selbstgenähtes großes und knallrotes Herz niedergelegt. Ein schönes Bild für die lebendige Verbundenheit – so ihr Name für den Platz – zur Natur, die entsteht wenn wir unser Herz öffnen. Sie kennt ihn schon seit seit Jahren, entdeckte ihn zuerst als Abenteuerspielplatz für die Kinder, …, für Sonntagsausflüge. Später dann oft alleine besucht, zur Besinnung, Kontemplation, Muse, einfach ein Ort den ich gerne aufgesucht habe und auch heute noch aufsuche. Strahlt erhabene Ruhe aus durch die alten hohen Buchen, ist gleichzeitig licht und zart durch die Großzügigkeit. Lässt mich ruhig werden, durchatmen, Pause machen! Hier wird deutlich, das Eintauchen in den Naturraum ist ein Teilhaben an den schöpferischen Prozessen des Lebendigen. Was wiederum unsere eigenen schöpferische Kräfte belebt. Die künstlerische Gestaltung des Platzes mit Naturmaterialien oder mit besonderen eigenen Dingen erfüllte mich mit einem Gefühl tiefer Befriedigung, Sinnhaftigkeit und Freude. Sinnhaftigkeit und Freude zu erfahren ist ein Glücks-Moment den wir geschenkt bekommen.
  2. baut ein „goldenen Käfig“ und nannte Ihn home. Zu Ihrem Platz sagt sie: Der Platz hat eine befreiende Weite, Tiere kommen dich besuchen und er ist doch auch versteckt genug, um sich sicher und geborgen zu fühlen. Leider musste ich von diesem Platz und meinem Zuhause wegziehen. Seitdem fehlt mir die Weite, Freiheit und Geborgenheit, die einem bekannte Flächen geben kann. Wenn ich jetzt zu den Flächen zurückkehre, bin ich ihnen fremd und komme daher nur langsam dort zur Ruhe. Freiheit, Weite, Unabhängigkeit einerseits und Geborgenheit, Vertrautheit müssen in Balance sein, damit wir uns zuhause fühlen können im Leben, damit es home wird. Das korrespondiert mit Ihrem Käfig-Werk. Der steht im offenen Raum der Wiesenfläche, und changiert ambivalent zwischen Schutzraum und Eingeschlossen-sein. Was zudem noch anklingt ist Ihre wissenschaftliche Forschungstätigkeit über Natur, in der sie zwar gedanklich in der Natur ist, körperlich, sinnlich jedoch völlig außerhalb. Natur wird zu Gedanken-Käfig, der einen gefangen nimmt, aber vom unmittelbarem sinnliche Kontakt mit der Natur trennt.
  3. spielt mit dem Zeit, dem ständigen zyklischen Wandel. Er fotografierte letzten Sommer, die Bilder zeigen Natur im Grün und voller Blüte. Diese Fotos platziert er im winterlichen Naturraum genau an den Aufnahmeorten. Mitten im tristen und nassen Winter stellte ich ein Bild blühender Tulpen in’s triste graue Tulpenbeet. Dann stellte ich blühende Lungenkräuter in ein Beet in dem unter viel Humus diese Pflanzen schlummerten. So erleben wir durch Fotos und reale Natur zwei Zeitzustände eines Ortes. Das bringt uns den ständigen Wandel zu Bewusstsein. Die Stoffumwandlung ist die Voraussetzung für neues Leben im Folgejahr. Nichtsdestotrotz kann so ein langer Winter auch die Seele trübe machen, da helfen Bilder aus den fröhlicheren Jahreszeiten. Aber wie werden wir reagieren auf Winter-Garten-Bilder mitten im Sommer? Das ist der nächste Schritt: der Schönheit des Sommers den Tod des Winters entgegenzusetzen…Der Sommer überwintert, der Winter keimt im Sommer. So kommen wir in Berührung mit dem Wunder des Bleibenden im ständigen Wandel
  4. setzt sich ganz konkret körperlich und biographisch mit einem Baum in Beziehung. Sieht Risse in der Rinde in Bezug zu ihren Hautfalten, schreibt eine Art Baumtagebuch, legt im Wurzelreich verborgenes frei. Im Sommer, im vollen Laub bildet sich ein fast geschlossener Raum unter ihrem Baum. Nach dem Laubfall wir es ein durchlässiger beschirmter Raum. Sie legt Spiegel ins Erdreich unter den Baum, in dem sich das Himmels-Geäst spiegelt. Mein Schirm mit Wurzeln nennt sie Ihren Platz, an dem ein konkreter Baum zum Spiegel des Lebensbaumes wird. Und es klingt der Weltenbaum der indische Mythologie an, der Kopf steht und so im Himmel, im Geistig wurzelt und dessen Früchte unsere irdisches Leben sind. Ein Bild, dass besagt, das unsere Welt hier ein Spiegel der geistigen Welt ist. Aber auch der nordische Schöpfungsmythos wird hier thematisiert, nach dem die Bäume unsere Ahnen sind. Das erste Menschenpaar wurden vom Geschlecht der Asen aus einer Esche /Ask und einer Ulme/ Embla erschaffen. Der Schirm mit Wurzeln beinhaltet neben dem persönlichen, biographischen das sehr alte Weltenbaum-Bild der Verbindung von Himmel und Erde, unserem Behütet-sein unterm Himmelszelt und dem Verwurzelt-sein im Irdischen.
  5. spricht einen Platz an einem alten Hunte-Arm an. Unter altem, grünendem Baumbestand und im Sommer völlig mit Entengrütze bedeckt, ist es eine Grüne Kraftquelle. Er strahlt eine unheimliche Ruhe aus und man kann hier sehr gut entspannen. Außerdem entdeckt man bei jedem Besuch wieder etwas Neues. Er baut eine Art Zelt, einen geschützten Raum aus grünen Bambusstangen auf, der aber dennoch offen und durchlässig ist. Und in seiner architektonisch formalen Strenge schafft es eine schöne Spannung zu umliegenden üppig-grünen Naturraum. In dem Werk klingen Begriffe wie Mönchsklause und Eremiten-Behausung an. So schafft er einen meditativen Ort der Stille. Natur wird zu einer Kraftquelle, die T. immer wieder aufsucht, um neue Energie zu tanken. Es ist auch einen visuelle Stille, in der man im Alleinsein in der Natur die „Grüne Sprache“ lernt, wie R.Ausländer es so poetisch formuliert. Die Erfahrungen an seinem Platz haben ihm einen neuen Blickwinkel auf das Leben gegeben.
  6. gestaltete ihre Hall of Fame am Hunte-Ufer, indem sie drei gestaltete 3 Stelen mit Texten aufstellte.

Sie ehrt damit drei Menschen, die alle auf ihre Art zu meinem biophilen Zugang zur Natur beigetragen haben. Und sie wirft die Frage auf: Wohin man gerne zurückkehren würde? Das kleine Modell einer Laubhütte steht über dem Satz: Geborgenheit ist nicht Landschaft. Geborgenheit schafft auch das Bewusstsein darüber, dass wir eingebunden sind die die Natur, worauf die Biophilie verweist. Biophilie steht für die Auffassung, dass wir entwicklungsgeschichtlich eine uns innewohnende Verbundenheit zu allem Natürlichen haben, eine Liebe um Lebendigen. Wir sind selbst ein Teil der Biodiversität dieser Erde. R.M. Rilke drückt es sinnlicher aus. „Weltinnenraum“ ist  nicht nur die räumlich um uns liegende Landschaft, sondern ebenso die innerlich gefühlte Bedeutung und Wertschätzung. Diese drückt sich auch in geschichtliche Dimension des Ortes aus: dort, wo mein Platz ist, ist schon vor zehntausenden von Jahren bevölkert gewesen, auch das berührt mich. So erscheint darin auch eine Haltung der angemessenen Bescheidenheit und Demut der Natur gegenüber.

Ein schmaler Trampelpfad auf einem Baum bestandenem kleinen Wall schlängelt sich durch ein verwunschenes Waldstück. Es ist der Pfad des Oberon, wie U. ihren Platz nennt. Nicht nur für sie ist es ein verzauberter Ort, an dem eine Tiefen-Dimension der Natur spürbar wird. Sie stellt dort einen Bogen von geraden Hölzern auf, die gleichsam aus dem Boden wachsen und wieder im Erdreich verschwinden. Es ist dieses Bild des Auftauchens, des in Erscheinung-tretens und wieder Verschwindens einer magisch-mythischen Welt, die den Bogen schlägt zum Elfenkönig Oberon. Ihr Werk wirkt im Wald vergänglich, fragil und unscheinbar. Dieser ephemere Charakter betont die Flüchtigkeit des Zaubers. Im verzauberte Wald in W. Shakespeares Sommernachtstraum treiben die Elfen ein Liebes-Verwirr-Spiel mit den Menschen zur Zeit der Sommersonnenwende. All das verweist auf ein In-Beziehung-sein aller Erscheinungsformen und Dimensionen des Lebens. Und auf die Tiefenökologie, die auf ein neues Bewusstsein in der Mensch-Naturbeziehung zielt.

Im Austausch über den Wert solcher Lieblings-Plätze in der Natur wurde deutlich, solche Orte sind Inseln im stark landwirtschaftlich genutzten Landschaftsraum der Region. Inseln der Selbstbesinnung. Sie sind Momente des Zur-Besinnung-Kommens, des Innehalten und Ausdruck einer lebendigen Verbundenheit mit der Landschaft. Sie zeigen den wertschätzenden Blick, frei vom Nutzen-Aspekt, sind Kraftorte zum Auftanken und oft ist es gerade das Unspektakuläre was diese Qualität erzeugt.

Es ist kein Zufall welchen Plätze uns ansprechen, sondern ein in Resonanz-Gehen der äußeren Natur mit unserer inneren Natur. So sind sie immer auch Spiegel des Biographischen und es zeigt sich hier eine sehr persönliche, intime Ebene der Naturbeziehung. Über solche Plätze entsteht eine emotionale Verwurzelung mit der Landschaft, die über das rein Persönliche hinausgeht, denn sie zeigen exemplarisch, dass die menschliche Existenz nur als Teil des Existenz der Natur erlebt und gedacht werden kann.

Und sie sind Inspirationsquellen für eine bewusste und nachhaltige Nutzung der Ressourcen der Natur der Region. Darum ist die persönliche Beziehung in der Diskussion um Nachhaltige Entwicklung so von Bedeutung. Nachhaltiges Handeln entsteht nicht allein aus dem Wissen über … und Faktenkenntnis. Nur die Verknüpfung mit der emotionalen Verbundenheit zur natürlichen Umwelt führt zu einer wertschätzenden Haltung. Die emotionale Beziehung ist Grundlage für Umwelt-Bewusstsein und Verantwortlichkeit im eigenen Handeln. Das Wissen über und die Beziehung zu, Verstand und Herz zusammen setzten den Impuls für nachhaltiges und ressourcenschonendes Handeln. Wir schützen und bewahren nur dass, was wir lieben.

Das künstlerische Vorhaben: Lieblingsplätze ist Teil des Projektes Bio-Diversitätskorridor. Einer Initiative von „artecology_network“, dem Landkreis Oldenburg  und Leuphana Universität Lüneburg. Das Projekt zielt auf eine künstlerische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Landnutzung und Naturschutz im Landkreis Oldenburg und  initiiert neue Denkanstöße für Nachhaltigkeit.

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