Nachhaltige Entwicklung durch transdisziplinäre Projekte als Lösung von Nachhaltigkeitsproblemen?

Eine kurze Darstellung der Kritik am transdisziplinären Forschen als Lösung der globalen Herausforderungen im Zuge des vorherrschenden Nachhaltigkeitsverständnisses.

Von Adrian Wulf

This blogpost is part of a transdisziplinary student project in the region of Oldenburg tought by Moritz Engbers, Prof. Ulli Vilsmaier, Dr. Maraja Riechers.

Dieser Blogpost ist Teil des Studentenprojektes Transdisziplinäres Projekt: Landkreis Oldenburg im Master Nachhaltigkeit. Lehrende: Moritz Engbers, Prof. Ulli Vilsmaier, Dr. Maraja Riechers.

Was sucht also eine kritische Betrachtung von Nachhaltigkeit und Transdisziplinarität auf diesem Blog? Nun, in vielen, oder eher in fast allen Bereichen des Lebens, in denen Wissen, beziehungsweise die Generierung und Weitergabe des selbigen eine große Rolle spielt, gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, was wirklich zielführend und nötig ist. Aus diesem Grund gibt es auch im Bereich der Nachhaltigkeit diverse mehr oder weniger stark repräsentierte Strömungen, die die Methoden und Zielsetzungen unterschiedlich bewerten und definieren. Selbiges gilt für den Ansatz der Transdisziplinarität, welcher sich nicht nur in der aktuell dominierenden Strömung in der Nachhaltigkeit einer starken Beliebtheit erfreut, sondern auch in anderen Disziplinen.

Meinem Erachten nach ist es wichtig, den aktuell vorherrschenden Auffassungen die geäußerte Kritik vorzuhalten und so allen Beteiligten einen neuen Blickwinkel darzubieten, der zur Reflexion anregen kann. Denn wenn sich eine Wissenschaft oder ein System selbst genug ist, verspielt es eine großartige Gelegenheit sich zu entwickeln.

Zuvorderst ist das Ziel der aktuellen Forschung, beziehungsweise im Falle dieses Projekts spezifisch die „nachhaltige Entwicklung“. Der Entwicklungsbegriff ist dabei nicht unumstritten und gewann etwa ab 1950 im Rahmen des Beginns des „Entwicklungszeitalters“ an Bedeutung. Im Kontext von „Fortschritt“, beispielsweise einer Region, beruht der Entwicklungsbegriff auf der Idee einer globalen, linearen Reifebewegung der Gesellschaft im Sinne der Aufklärung, wobei der Grad der Zivilisierung (anfänglich) an seiner wirtschaftlichen Performance abgelesen werden kann. Diese Interpretation schafft allerdings einen Gedanken von einer Rangordnung, in der es gilt, zu anderen aufzuschließen, sie zu überholen und zu dominieren. Zugleich bestimmt das Ziel „Entwicklung“ auch gleich den Start, das Problem „Unterentwicklung“, und bietet sich sogleich als Lösung des geschaffenen Problems an. Dieses Narrativ ist sowohl auf Regionen, als auch auf Staaten anwendbar, legt dabei wirtschaftliche Stärke als Machtordnung fest und wird als mobilisierendes Argument angewendet („Wir müssen die stärkste ökonomische Macht werden!“). Bereits in den 70ern wurde der Begriff um Umverteilung, Partizipation und menschliche Entwicklung erweitert, was das eigentliche Problem allerdings nicht löst: Der Entwicklungsbegriff als mobilisierendes Element verleibt sich Kritik ein und ordnet sie der bisherigen Zielsetzung unter. So kann „nachhaltige Entwicklung“ als Anpassung an neuere ökologische Kritik am Entwicklungsdiskurs betrachtet werden, in deren Zuge sich die Denkweise im Nachhaltigkeitsdiskurs von „Erhalten“ zu „Entwickeln“ änderte. Dem ökonomischen Grundnarrativ folgend, stellt die Endlichkeit natürlicher Ressourcen die Idee allerdings in Frage. Zusammengefasst: Der Begriff „nachhaltige Entwicklung“ referenziert auf den Entwicklungsbegriff und dessen Genese und Veränderung muss daher mitgedacht werden, wenn dieser Ausdruck verwendet wird; er lässt sich somit nicht unkritisch verwenden (vgl. Sachs 2000).

Wie der Begriff „ökonomisch“ bereits verdeutlicht, ist Entwicklung in der Sphäre der Wirtschaft verankert, folglich im Kapitalismus. Die Kapitalismuskritik muss an dieser Stelle sehr knapp angerissen werden: Kapitalismus zeichnet sich durch Lohnarbeit, Konkurrenz und Akkumulation von Kapital aus und braucht ein mobilisierendes Narrativ, wobei das seit den 1960ern vorherrschende jenes des Unternehmers (Entrepreneur) ist (Boltanski & Chiapello 2002).

Die Kapitalismuskritik aus den 60ern und 70ern konnte in Sozialkritik („die herrschenden Verhältnisse sind sozial ungerecht“) und Künstlerkritik („Kapitalismus führt zu individueller Unfreiheit und Entfremdung“) unterschieden werden. Letztere Kritik bot die bereits vorgestellte Möglichkeit der Transformation und somit Aufrechterhaltung des Kapitalismus. Als Folge werden gesellschaftliche Probleme in Projekte gegliedert und die Metapher des Netzwerks genutzt. Die Folge ist ein zerrissenes Identitätsverständnis, bei dem auf der einen Seite die „Selbstverwirklichung“ als Projekt steht (möglichst viele Kontakte knüpfen und halten) und auf der anderen Seite der Wesensverlust durch Überforderung (sich in der Vielzahl von Aktivitäten verlieren). Denn nun wird wertgeschätzt, wer nicht für sich sondern für das Gemeinwohl arbeitet, wer Aktivität zeigt und Beziehungen knüpft, flexibel ist und sich in alle Projekte einfügen kann, wer eigenständig handelt, sich trennen kann, teamfähig ist, immer Ideen und Ziele hat – und erfolgreich ist (Boltanski 2007). Eine der neusten Ausformungen davon ist beispielsweise das sogenannte „social Entrepreneurship“, bei dem Unternehmen Nutzenmaximierung vor Gewinnmaximierung stellen und so wird die Lösung sozialer und ökologischer Probleme durch private Akteure – statt durch den originär verantwortlichen Staat – angestrebt, welche sich aber finanziell selber tragen sollen (Beckmann 2011).

Die logische Folge dieser Entwicklung ist nach Rose (2000) das unternehmerische Selbst, das heißt, dass der Mensch aus seinem Lebe ein Unternehmen macht. Diese Einstellungen ziehen sich mittlerweile sehr konsequent durch die Gesellschaft und spiegeln sich in den Machverhältnissen und Formen wider. Dabei ist die gepriesene Autonomie nicht die Befreiung von der Macht anderer, sondern Ziel und Instrument der Machtausübung und Verhaltenssteuerung. Der Druck äußert sich in Selbsthilfegruppen, Ratgeberliteratur und Therapiewesen, welche Erscheinungsformen des überforderten und an den gesetzten Ansprüchen scheiternden Selbst sind. Eine weitere Erscheinungsform ist der Trend, jedem Handlungsfeld Sinn zuzusprechen, beziehungsweise den Sinn zu suchen. Arbeit darf nicht mehr nur Broterwerb sein, sondern muss dem Leben Sinn geben – das Individuum muss seinem Leben stets einen Sinn geben: „Das politische Subjekt hat von jetzt an ein Individuum zu sein, dessen Bürgerschaft sich durch die freie Ausübung persönlicher Auswahl aus einer Reihe von Optionen zu äußern hat.“ (ebd. 22f).

Im aktuellen Nachhaltigkeitsdiskurs findet eine zunehmende „Privatisierung statt, das heißt, dass vor allem Privatpersonen das Ziel sind. Diese solle ihr Konsum- und anderen Umweltverhalten anpassen. Dies ist auch eine Folge davon, dass die seit Jahrzehnten stattfindende Bemühung um nachhaltiger Entwicklung auf politischer Ebene als wenig und nicht ausreichend erfolgreich waren, beziehungsweise angesehen werden. Dabei sollten solche Themen, die alle etwas angehen, nicht ins Private abgewälzt werden, sondern gesamtgesellschaftlich angegangen werden. Zumal es vermessen ist anzunehmen, dass das private Handeln wirklich zur Nachhaltigkeit führt, da es kaum möglich ist, dass jedes Individuum für jede Entscheidung und Handlung über das nötige Wissen verfügt (Wer weiß denn schon ins kleinste Detail, wie es beispielsweise um die Nachhaltigkeit eines Produktes steht?) geschweige denn motiviert werden kann, jederzeit strikt alle Handlungen der Nachhaltigkeit unterzuordnen. Die Lösung wäre, jede einzelne Entscheidung und die Hauptverantwortung nicht auf den einzelnen (Konsumenten) abzuwälzen, sondern Nachhaltigkeit politisch voranzutreiben und Bürger*innen in den großen Entscheidungen als politische Akteure einzubinden (Grunwald 2010).

Auch vor der Forschung macht dieser Trend der Aufteilung in kleine Projekte und individueller Verantwortung nicht halt. Des Weiteren macht die Sinnfrage auch vor diesem Bereich keinen Halt, entwickelte sich aber zusätzlich aus historischen Prozessen.

Als Antwort auf diese Frage und auf aktuelle Herausforderungen wie etwa der dringenden Notwendigkeit die Welt gerechter und nachhaltiger zu gestalten ist unter anderem in der Nachhaltigkeitsforschung die transdisziplinäre Forschung das Instrument, beziehungsweise die Methode der Wahl. Dabei ist transdisziplinäres Forschen erkenntnistheoretisch ((Wie) kann die Integration heterogenen Wissens überhaupt stattfinden?) und wissenschaftspolitisch (schafft die Partizipation tatsächlich eine breite Akzeptanz von Wissenschaft?) fragwürdig. Insbesondere die letzte Frag ist sehr interessant, da sich die Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten immer mehr in einer Legitimationskrise befand und diese u.a. durch die Integration der nicht akademischen Bevölkerungsteile zu lösen versucht: Denn die Heilsversprechungen der Wissenschaft haben sich häufig nicht in dem Maße erfüllt, in dem sie propagiert wurden. Der Stellenwert der Wissenschaft nahm parallel dazu erst stark zu, indem sie immer mehr andere Wissensformen verdrängte und stärker in die Institutionen integriert wurde. Das führte zur sogenannten Wissensgesellschaft. Mit den enttäuschten Hoffnungen und der Ernüchterung wandelte sich dies zur Risikogesellschaft, in der verstärkt nach den Gefährdungen durch Wissenschaft und Technik gefragt wird. Dadurch werden neue Ansprüche an die Wissenschaft gestellt.
Transdisziplinarität kann, je nach Lesart, zwei Formen annehmen: Einerseits ist es die Abkehr von der Suche nach zuverlässigem Wissen hin zum Potential unmittelbar (und emanzipatorisch) zur Lösung drängender Weltprobleme beizutragen, anderseits wird es die neue Form der Wissenschaft, der demokratischen Wissenserstellung angesehen, bei welcher der ausgehandelte Konsenses der Beteiligten die formale rationale Rechtfertigung Beteiligten ersetzt. Dieser „neue Forschungstypus“ wird systematisch überfrachtet mit außer-wissenschaftlichen Zielen und Erwartungen, sodass es nur zu Minimalkonsensen und pragmatischem Prozessieren kommen kann: Denn jede Disziplin und auch die Praxispartner haben ihre Agenda, die keinesfalls übereinstimmen müssen. Gleichzeitig bilden sich Abhängigkeiten und Verpflichtungen, die dem wissenschaftlichen Forschungsziel nicht eben zuträglich sein müssen. Sei es, dass um jeden Preis Praxispartner gehalten werden müssen, um Ergebnisse liefern zu können, damit auch zukünftig Gelder für Forschungsprojekte eingeworben werden können, oder dass jedem Akteur im Forschungsprojekt individuell begegnet werde muss, was zu einem hohen Mehraufwand führen kann (zum Beispiel haben Auftraggeber, Institut und Praxisakteure unterschiedliche Erwartungen, die auch unterschiedliche Darstellungen der eigenen Tätigkeit erfordern. So müssen Daten mehrfach aufbereitet und präsentiert werden.). Auffällig ist dabei auch, dass zwar alle Teilnehmer*innen Daten liefern und einbringen sowie Ergebnisse fordern und präsentiert bekommen wollen, die tatsächliche Forschungsarbeit liegt aber mehrheitlich in der Hand der Wissenschaftler*innen, auch, da diese ja spezifisch dafür ausgebildet sind. Transdisziplinäre Forschungsprojekte  ermöglichen demzufolge höchstens gemeinsames/voneinander Lernen (mutual learning), aber keine gemeinsame Forschung (joint research).
Es ist fragwürdig, ob transdisziplinäre Forschung ihre Versprechungen einhalten kann. Stattdessen wird wissenschaftliches Wissen vermehrt kontrolliert, rationale formale Rechtfertigung durch demokratische Minimalkonsense ersetzt und vor allem die Forscher*innen systematisch mit Verantwortung und nicht forschender Arbeit überfrachtet. Transdisziplinarität bedeutet eine Wendung von großer wissenschaftspolitischer Zielsetzung zur bloßen Frage nach Koordination und Kommunikation kooperativ-partizipativer Prozesse, also Management (Maasen 2007).

Im Begriff der nachhaltigen Entwicklung, aber auch der der Transdisziplinarität wird deutlich, dass das herrschende Paradigma des ökonomischen Wachstums bzw. der individualisierten Verantwortungszuschreibung mit neuen Anforderungen nach ökologischer Nachhaltigkeit und Partizipation gekoppelt wird. Damit wird radikale Kritik an einem auf unmoralischer Aneignung von Natur und Menschen basierenden System zugunsten eines Engagements innerhalb der kapitalistischen Möglichkeiten aufgelöst. Die zentralen Problematiken des Kapitalismus, wie Ausbeutung der Natur und Menschen zugunsten einiger weniger Eliten, aber auch von globalen Mittelklassen, kann so nicht aufgehoben werden. Dabei ist das unternehmerische Selbst überzeugt autonom und moralisch „gut“ zu handeln, während andere Bevölkerungsschichten nicht die Ressourcen haben, zu partizipieren oder moralische Ansprüche zu übernehmen.

 

Literatur

Beckmann, M (2011): Social Entrepreneurship – Altes Phänomen, neues Paradigma moderner Gesellschaften oder Vorbote eines Kapitalismus 2.0? In: Hackenberg, H. & Empter, S. (Hrsg.) (2011): Social Entrepreneurship – Social Business: Für die Gesellschaft unternehmen. Wiesbaden: VS Verlag. 67-85.

Boltanski, L., & Chiapello, È. (2002): Die Arbeit der Kritik und der normative Wandel. In: von Osten, M. (Hrsg.) (2002): Norm der Abweichung. Zürich: Edition Voldemeer /Wien, New York: Springer. 57-80.

Boltanski, L. (2007): Leben als Projekt. Prekarität in der schönen neuen Netzwelt. Polar 2. Unter: http://www.polar-zeitschrift.de/polar_02.php?id=69 (Letzter Aufruf 05.08.2017).

Grunwald, A. (2010): Wider die Privatisierung der Nachhaltigkeit. GAIA 19/3(2010). 178-182.

Maasen, S. (2007) Transdisziplinarität in vivo – zur Praxis einer wissenschaftspolitischen Vision. In: Kropp, C.; Schiller, F.; Wagner,J. (2007): Die Zukunft der Wissenskommunikation. Berlin: Edition Sigma. 221-240.

Rose, N. (2000): Das Regieren von unternehmerischen Individuen. Kurswechsel. H. 2. 8-26.

Sachs, W. (2000): Development. The Rise and Decline of an Ideal. Wuppertal Papers 108.

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